22. September 2006

Pendler und Webuser: Hilfe zur Orientierung

Ross Howard: Ambient Signifiers in Boxes and Arrows vom 19. September 2006.

"We can draw parallels between transport networks and their passengers, and websites and their users: both can be complex structures; both have navigable routes and destinations; and both can involve large groups of people using routes with the aid of wayfinding tools."

Dieser Artikel erinnert mich wieder einmal an die Signaletik, eine Wissenschaft, die man abschätzig mit "Wegweiser bemalen" umschreibt, die aber das Gleiche macht wie ein Webdesigner und Informationsarchitekt: Benutzern einer Infrastruktur helfen, sich zu orientrieren. Signaletik befasst sich mit dem (öffentlichen) Raum, Informationsarchitektur mit dem Internet. Beide Räume sind daran, zu verschmelzen und sich zu durchdringen.

Signaletik kann man übrigens als Nachdiplomkurs an der Hochschule für Künste in Bern studieren.

16. September 2006

Navigation: die Grundlagen

Derek Powazek: Where Am I?

"Navigation is the uncelebrated workhorse of web design, but it deserves a little more attention than it usually gets."

Und wie die lebhafte Diskussion des Artikels zeigt, lösen auch scheinbar einfache Regeln wie "Man soll nie auf die Seite linken, auf der man sich gerade befindet" grosse Debatten aus. Was nicht weiter erstaunt, denn der Titel dieses Artikels von Powazek verletzt diese Regel, indem er auf die eigene Seite linkt.

Was zu diesem Artikel zu ergänzen wäre: die Navigationsbezeichnung - auch eine unterschätzte Kunst.

15. September 2006

Neue Fenster statt Back-Button

Das Web entwickelt sich von einem Hypertext-Medium zu einer System von interaktiven Anwendungen: "The concept of hypermedia navigation is often replaced by a concept of interaction with an application." Das zeigt eine gross angelegte Navigationsstudie der Universität Hamburg.
Off the Beaten Tracks: Exploring Three Aspects of Web Navigation (pdf, 404kb). Zusammenfassung und Diskussion der Studie bei Websiteoptimization.com: Clickstream Study Reveals Dynamic Web.

Im Vergleich zu früheren Studien von 1994-1996 fällt ein Resultat auf: Der Back-Button wird deutlich weniger benutzt, dafür werden viel häufiger neue Fenster (oder neue Tabs) geöffnet. Dabei gilt der Zusammenhang, dass der Gebrauch des Back-Buttons umso geringer ist, je mehr neue Fenster geöffnet werden. Gleichzeitig beklagten sich die User in dieser Studie, dass es anstrengend sei, mehrere Browserfenster gleichzeitig zu managen - vor allem dann, wenn der Title-Tag der Webseite nicht aussagekräftig ist. Woraus sich einmal mehr die grosse Bedeutung eines guten Title-Tags zeigt (wie zum Beispiel auch für einen guten Bookmark-Eintrag).

Bestätigt wurde durch die Studie die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der sich die User auf Webseiten bewegen. 52 % aller Seitenbesuche dauerten weniger als 10 Sekunden. Wenn man nur die neuen Seiten (und nicht auch die wieder besuchten Seiten) berücksichtigt, dauerten 50 % aller Erstseiten-Besuche weniger als 12 Sekunden. Die Verweildauer stieg zwar mit der Menge Text und der Anzahl Links auf einer Seite, aber nur sehr geringfügig. Es ist nach wie vor so, dass die User scannen und nicht lesen, wass die wichtigsten Schreibregeln fürs Web bestätigt. Kein Webschreiber kann davon ausgehen, dass seine Inhalte gelesen werden; vielmehr muss man alles daran setzen, dass sie überhaupt gesehen und für einen Moment lang fixiert werden.

Ein alter Streitpunkt vieler Webdesign-Diskussion ist das Scrollen. Die Studie zeigt, dass 23 % der angeklickten Links nicht auf dem ersten Screen zu sehen sind und also Scrollen erforderten, und das erst noch bei den sehr kurzen Verweilzeiten. Undiskutabel unbrauchbar sind Sites, die querscrollen erfordern; diese Links werden zu weniger als 1 % geklickt.

Bei der Bildschirmgrösse sind die meisten User inzwischen zwar bei 1024x768 Pixel angelangt, aber die wenigsten nützen diese Fläche ganz aus. Die User, die mit maximierten Fenstergrössen surfen, haben dafür noch andere Aufgaben (Update vom 09.10.2006: z.B. für History, Search, Favoriten, sieh Bild). geöffnet. Für die Website steht also nie die ganze Fläche zur Verfügung.

Fenster_mit_favoriten

Und geklickt wird vor allem links oben, dort wo die Hauptnavigation ansetzt, sei es horizontal oder vertikal.

Um auf den Untergang des Back Buttons zurückzukommen: Viele Websites sind heute mehr als die Ansammlung von verlinkten Dokumenten. Immer häufiger ist die Website das Gefäss für eine Anwendung (z.B. Online-Shopping, E-Banking, Bloggen, Office-ähnliche Software wie Writely, usw. usf.), und bei diesen Anwendungen braucht man keinen Back Button, weil man dadurch meistens die gemachten Eingaben löschen würde. Vielmehr hat man neben der Website mit der Anwendung noch ein paar andere Fenster offen (News, RSS-Reader, Blogs, Delicious usw.), aus denen man Daten und Inhalte für die Anwendung bezieht.

08. September 2006

Dogma: bitte brechen

Erst jetzt gelesen: Dogmas Are Meant to be Broken: An Interview with Eric Reiss (vom 31. Mai 2006).

"The trick with doing a dogma for the web was to avoid the “rules syndrome” (For example, Links should be blue.) for best practices that were liable to change as technology changed. How do you do a set of rules or guidelines that would prove helpful despite the technological advances and would also be relevant as fashion changes?"

14. Juni 2006

Webtexte zwischen Standard und Einzigartigkeit

Standards sind eine wunderbare Sache: Sie erleichtern uns das Leben, weil sie uns keine Rätsel aufgeben. Autos sind das Standardbeispiel für Standards: Das Gaspedal ist immer rechts, die Bremse immer links. Praktisch, nützlich, hilfreich. So haben wir den Kopf frei für den Verkehr, weil die Füsse immer schon zum voraus wissen, was wo ist.

Standards gelten auch für Websites: Es ist nützlich, wenn die Suche immer Suche heisst und sich irgendwo in der Gegend rechts oben befindet. Don't make me think, so das Motto von Steve Krug.

Standards sind aber auch langweilig. Logisch: Was ich gedankenlos richtig gebrauchen kann, kann mich nicht überraschen. Einen Überraschungseffekt aber braucht es, um in der Flut an Informationen aufzufallen und sich abzuheben. Profil, Eigenständigkeit, Einzigartigkeit: Wer das nicht hat, verschwindet ununterscheidbar von allen anderen als graue Maus in der Masse.

Es ist eine grosse Kunst, am richtigen Ort auf Standards zu setzen, ohne das Profil zu verlieren, und am richtigen Ort Profil zu zeigen, ohne die Benutzer vor unlösbare Rätsel zu stellen.

Nick Usborne empfiehlt: Avoid the use of familiar phrases and messages (Newsletter vom 12. Juni 2006). Sätze, die tönen wie alle hundert früheren, fallen nicht mehr auf und haben keine Wirkung. Wörter, die abgenutzt und in aller Leute Mund sind, werden nicht mehr gehört und gelesen: Gesamtlösungen ist ein Standardbeispiel für ausgeleierte Sprache.

Es ist oft eine Gratwanderung zwischen Standard und Einzigartigkeit. Hier der Versuch einer Regel: Standards sind bei der Bedienung und bei den Funktionen einer Website nützlich (Suchmasken, Formulare). Einzigartigkeit braucht's für den Inhalt.

11. Juni 2006

Sprechende URL und doch nicht verständlich

Derzeit - so scheint mir - ist es Mode, auf grossen Plakaten einfach ein URL hinzuknallen, und das heisst dann Werbung. Es nähme mich wunder, wie gut das funktioniert und wie viele Seitenanfragen daraus entstehen, aber es würde mich nicht erstaunen, wenn das Resultat nicht so toll ist.

Zum Beispiel zieren derzeit URLs wie www.was-wird-aus-mir.ch oder www.genug-von-der-Schule.ch oder www.ein-lehrling-hat-mir-gerade-noch-gefehlt.ch oder www.zeig-mir-den-meister.ch oder www.meine-kinder-in-zwanzig-jahren.ch oder www.gib-dir-eine-chance.ch oder www.einsteigen-lohnt-sich.ch die Plakatwände. Was soll das?

  • Diese URLs kann man sich nicht merken, bis man an einem Compi sitzt und die Adresse eingeben kann. Soll ich diese URL auf Papier aufschreiben?
  • Diese URLs sind zwar sprechend (in dem Sinn, dass sie aus bekannten Wörtern bestehen), aber sie sind in ihrem Sinngehalt unverständlich (ganz im Gegenteil zu den URLs von tel.search.ch). Was für Inhalte soll ich auf einer Website mit dem URL www.was-wird-aus-mir.ch erwarten? Ironie und Wortspiele waren schon immer ein schlechter Ratgeber fürs Webtexten.
  • Diese URL kommunizieren keine spezifische Botschaft, sondern eine Allerweltsaussage. Ich glaube nicht, dass diese URL nützlich sind für Suchmaschinen. Oder würde ich je einer diese Begriffe eingeben?

Diese URLs (reserviert vom Bundesamt für Bildung und Technologie BBT) bewerben eine Kampagne für die Lehrstellensuche 2006 unter der Hauptadresse www.chance06.ch. Gute Absicht, aber wenn ich eine Lehrstelle suche, wie würde ich vorgehen? Jedenfals käme mir spontan keine dieser URLs in den Sinn noch würde ich nach einem der Begriffe in diesen URLs suchen. Und wenn ich in Google nach Lehrstellen suche, tauchen diese Sites in den Resultaten jedenfalls nicht auf.

Ein anderes Beispiel, das schon nicht mehr an den Plakatwänden hängt, war www.genusswinkel.ch. Irgendwie dünkte mich das wirklich sehr blöd als Begriff, aber weil er so blöd war, konnte ich mir ihn wenigstens merken (resp. ich konnte ihn leider nicht vergessen). Eingetippt habe ich die Adresse trotzdem nie, bis dann die Auflösung der Teaserkampagne kam: für irgendeinen Icetea, ich weiss schon nicht mehr für welchen.

Aus beruflichem Interesse habe ich die Adresse dann trotzdem mal eingegeben: Die Website versucht die Benutzer in eine Gewinnspiel zu involvieren, natürlich muss man sich registrieren. Man kann Fotos uploaden und dann darüber abstimmen. Die Beteiligung scheint sehr mager zu sein, soweit man das als nicht-registrierter Benutzer beurteilen kann. Jedenfalls erscheinen unter "Plätze 1-12" bei einigen Katgeorien nicht einmal 12 Fotos.

30. Mai 2006

Internetadressfeld als Suchfeld

Sprechende URLs sind nützlich - für die Benutzer und für die Suchmaschinen. Der Unterschied zwischen
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B000005GWE/
ref=pd_ys_ir_all_41/303-7504348-9597035?%5Fencoding=UTF8
und http://map.search.ch/3018-bern/winterfeldweg-66 ist einfach offensichtlich.

Tel.search geht nun mit diesem Prinzip noch einen Schritt weiter. Das Resultat einer Suche im Telefonbuch gibt nicht nur ein sprechendes URL aus, nein, man kann sich das URL selber basteln. Wer die Telefonnummer von Hans Müller in Bern sucht, gibt im Internetadressfeld ein: "http://tel.search.ch hans müller bern". Diese Eingabe wird automatisch umgewandelt in eine Suche nach Hans Müller in Bern. Ob man "müller bern hans" oder "bern hans müller" eingibt, spielt keine Rolle. Das Internetadressfeld wird zum Suchfeld.

18. April 2006

Webseiten lesen nach dem F- oder Z-Schema?

Jakob Nielsen berichtet in seiner neusten Alertbox vom  17. April 2006  unter dem Titel F-Shaped Pattern For Reading Web Content über Ergebnisse von Eyetracking-Studies. Diese Ergebnisse basieren auf 232 Usern, die tausende von verschiedenen Websites angeschaut haben. (Die Alertbox enthält einem viele Ergebnisse vor und hat teilweise Anpreisungscharakter für teure Workshops.)

Als gemeinsamer Nenner hat sich gemäss Nielsen ein F-förmiger Verlauf der Augenbewegungen herausgestellt. Dave Nolan (textgoeshere) hat diesen Verlauf sehr anschaulich in einem Schema visualisiert.

Bei der Eyetracking Study 2004 des Poynter Instituts wurde dieselbe Untersuchung gemacht (Viewing Patterns for Homepages). Resultat: ein Z-förmiger Verkauf der Augenbewegungen. Daraus leitet die Studie eine Einteilung einer Website nach Prioritäten-Zonen ab.

(Randbemerkung: Wie man aufgrund der Heatmaps beider Untersuchungen auf eine so eindeutige Charakterisierung des Augenverlaufs kommt, hat wohl auch etwas mit Marketing für die Studien zu tun. Item.)

Also Z- oder F-Schema? Ich neige eher zur Suche nach Gemeinsamkeiten als zur Dramatisierung eines Expertenstreits. Z und F haben nämlich einiges gemeinsam:

  • Sie beginnen links oben.
  • Sie beginnen oben und enden unten.
  • Sie enthalten zwei parallele horizontale Linien, die von links nach rechts führen.

Diese Erkenntnis ist nun - zumindest für die westliche Kultur - nicht wahnsinnig erstaunlich. Die beiden Hauptbewegungen sind von links nach rechts und von oben nach unten.

Von herausragender Wichtigkeit - und das betonen beide Untersuchungen -  sind auf einer Webseite die obersten Titel und innerhalb eines Titels die ersten Begriffe.

  • Poynter: "The first few words may matter most."
  • Nielsen: "Users will read the third word on a line much less often than the first two words."

Insgesamt also nicht viel Neues: Auf einer Seite soll der wichtigste Inhalte 1. zuoberst platziert werden, und 2. schnell lesbar und gut verständlich sein. Die Leser möchten alles mühelos serviert erhalten.


09. April 2006

Berner Wahlen: Website funktioniert nicht

Schade. Da möchte ich noch kurz vor dem Schlafengehen nachschauen, ob die Resultate der Grossratswahlen bekannt sind. Den Link auf der Startseite von www.be.ch habe ich rasch gefunden...
Be
... aber die Seite http://www.be.ch/aktuell/default.aspx?newsid=17184 funktoniert nicht (um 23.30 h am Sonntag abend, 9.4.06).
Be2

Update vom Montag morgen, 10.4.06: Jetzt tut's wieder.

05. April 2006

Navigation ist mehr als ein Wegweiser

"Web Navigation is about moving forward", behauptet Gerry McGovern am 2. April 2006. Navigation "is not to tell them where they have been, or where they could have gone." Er macht dann einen Vergleich, dass man, nachdem man sich an einer Kreuzung mit zwei Wegweisern nach Boston und nach New York für den Weg nach New York entschieden habe, nicht dauernd daran erinnert werden wolle, dass man auch nach Bostin hätte fahren können.

Ich liebe Vergleiche, aber man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Hier vergleicht McGovern einen Autofahrer, der nach New York will, mit einem User, der etwas auf einer Website will. Und dieser Vergleich ist etwas schief, denn der Autofahrer bewegt sich linear (von A nach B), während der User sich in einem nichtlinearen Medium bewegt.

Es ist ja grad der Witz einer Website, dass ich mich nicht von A nach B bewegen muss, sondern zwischen vielen Möglichkeiten auswählen kann. Natürlich gibt es "visual noise" und "information overload" in dem Sinne, dass zu viel (Navigation) manchmal schädlich sein kann. Und welcher Websitebetreiber ist schon so weise, dass er weiss, was seine User wollen, so dass er ihnen gewisse Möglichkeiten vorenthalten will?

(Vielleicht ist es nur eine Frage des Masses, auch McGovern will die Globalnavigation nicht abschaffen.)

Interessanterweise schreibt Jakob Nielsen in seiner Alertbox Hyped Web Stories Are Irrelevant vom 3. April 2006 über Wikipedias Hypertext-Stil, der diesem rigorosen Navigationsregiment von McGovern widerspricht:
"The Wikipedia's most exciting aspect is that it's a highly interlinked hypertext. Most of the time, if you visit for one article, you end up reading five, because the richness of associative links lead you to more and more interesting information that you didn't even know you wanted. Sadly, the Web has generally lost its foundation as hypertext, and most sites offer only heavily regimented navigation that's tied into an official information architecture. Usually, there's little in the way of associative, "see also" links and local navigation. Wikipedia shows the benefits of reverting to the view of websites as hypertexts." (Hervorhebung von mir)

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