04. August 2007

Gegen das blutleere Webtexten

Die wichtigsten Standardregeln zum Webtexten sind schnell aufgezählt:

  • Punktlisten
  • Zwischentitel
  • Fetthervorhebung
  • Kurze Abschnitte
  • Kurze Texte
  • Das Wichtigste zuerst

Webtexte, die nach diesen Regeln geschrieben werden, haben gewiss keine starke Ausstrahlung. Aber sie sind nützlich und brauchbar und erfüllen ihren Zweck, wenn es darum geht, etwas auf dem Web zu erledigen.

Solches Schreiben bezeichnet Amber Simmons als Anorexic Web Writing (anorexic = magersüchtig). Im übertragenen Sinn könnte man das auch als blutleer und seelenarm bezeichnen. Simmons' Artikel auf A List Apart ist eine gute Gelegenheit, sich wieder einmal Gedanken zu machen über diese Standardregeln des Webtextens und über die uralte Frage, wie lang ein Text auf dem Web sein darf.

Update: Beim Aufräumen einen Ausdruck des Artikels "Resurrect Your Writing, Redeem Your Soul" von Jennie Robinson gefunden. Zentrale Aussage: "Bad writing that has been “Webified” can look great on screen and to search engines, but to human beings, it’s still just bad writing. Applying the new rules of Web writing to muddled thoughts is a bit like hiding dirty hands in clean gloves."

15. Juli 2007

Plädoyer für das Wort

Web design is the design of words schreibt Gerry McGovern in seiner neusten Ausgabe des New-Thinking-Newsletters.

"A door doesn't need a label saying "Grip Here"; a chair doesn't need a label saying "Sit Here"; a glass doesn't need a label saying "Hold here". We only need to look at these things to know what to do." - Logisch, denken wir.

Die Analogie zum Web ist naheliegend: "What does a website look like? In particular, what would a website look like if you took away all its words? How would your website work if you took away all its words?"

Also: Wieder einmal ein Plädoyer für das Wort von Gerry McGovern.

Ähnlich hat es auch Doug Millison formuliert (vor einigen Jahren schon): "Words are your web site's primary interface element."

01. Juni 2007

Titel mit Wirkung

Wer nicht weiss, in welche Kategorie ein bestimmter Titel gehört, findet hier ganz bestimmt eine: Who Needs Headlines? (29.05.2007, auf A List Apart). Der Artikel ist eine nicht enden wollende Aufzählung (22) von verschiedenen Arten von Titeln (Headlines that sell) und der Versuch, sie zu systemastisieren.

Was es bringt? Leider nicht sehr viel. Was an diesen Verkaufs-Titeln webspezifisch sein soll, bleibt unklar, ebenso wie der Titel des Artikels.

Wie man's interessanter und fundierter machen könnte, um wirkungsvolle Titel zu schreiben:

  • Der Headline-Remix beim Copyblogger: Brian Clark diskutiert verschiedene Titel und macht Vorschläge, wie man sie umschreiben könnte, damit sie mehr Wirkung haben.
  • Die Untersuchungen bei Marketing Experiments (Site Headlines Tested), wenn man die gemessenen Konversionsrate von verschiedenen Titeln vergleicht.

23. April 2007

Eyetrack 07: mehr Resultate

Bei der Online Journalism Review findet man neue, ausführlichere Ergebnisse der Poynter-Eyetrack-07-Studie. Hier die beiden überraschendsten Ergebnisse:

  • Überraschung Nr. 1: Online-Leser lesen einen (kurzen oder langen) Artikel gründlicher als Zeitungsleser. Wenn sie einen Artikel gewählt haben, lesen sie 77 % des Artikels.
  • Überraschung Nr. 2: Online-Leser sind im Leserverhalten gespalten: nur die Hälfte der Online-Leser sind "scanners". Die andere Hälfte sind "methodical readers" (lesen alles von oben nach unten durch).

Bestätigt wird, dass Online-Leser via Navigation, Teaser und Schlagzeile in einen Artikel einsteigen, während Print-Leser via Bild und Schlagzeile einsteigen. Online hat das Bild einen geringeren Stellenwert als im Print.

21. April 2007

Zahlen: Ziffer oder Wort?

Angeregt durch Nielsen Alertbox Show Numbers as Numerals When Writing for Online Readers vom 16.04.2007 und der Diskussion des Themas bei Meryl K. Evans (Show Numbers as Figures in Online Content vom 17.04.2007) dachte ich, es könnte nützlich sein, die Fragen "Zahlen: Ziffer oder Wort?" für die deutsche Sprache darzustellen.

Zahlen als Ziffern (also z.B. 8723, 312, 78, 3) fallen in einem Lauftext auf. Zahlen als Wort (also z.B. achttausendsiebenhundertdreiundzwanzig, dreihundertzwölf, achtundsiebzig) sind schwer lesbar (vor allem hohe Zahlen) und fallen in einem Lauftext nicht besonders auf (ausser sehr hohe Zahlen durch ihre Länge).

Gute Webtexte kennzeichnen sich durch eine gute Lesbarkeit und eine gute Strukturierung aus, damit sie schnell überflogen und gescannt werden können.

Daraus folgt für Zahlen in Webtexten als Regel:

  • Wenn die Zahl so wichtig ist, dass sie sich vom Text abheben soll, beim Scannen also auffallen soll, muss man sie in Ziffern schreiben.
  • Wenn die Zahl als Wort nicht mehr lesbar ist, muss man sie auch in Ziffern schreiben.
  • D.h.: Ein Zahl schreibt man nur dann als Wort, wenn sie nicht von spezieller Bedeutung (also nicht auffallen soll) und gleichzeitig als Wort noch lesbar ist.

Diese abstrakte Regel läuft in der Praxis meistens darauf hinaus, dass man die Zahlen ab 13 immer als Ziffern schreibt und die Zahlen von 1 (eins) bis 12 (zwölf) je nach Zusammenhang und Bedeutung.

Immer als Ziffer geschrieben werden müssen:

  • Jahrzahlen
  • Datum (01.04.2007 oder 1. April 2007, aber nicht Erster.Vierter.2007)
  • Zeitangaben (9.00 h)
  • Währungsangaben (Fr. 1.-, 5 $)
  • Massangaben (3 km/h, 5 kg)
  • Prozentzahlen (2 %)
  • Telefonnummern (logisch)

Ebenfalls immer als Ziffern, da hier die Zahl von entscheidender Bedeutung ist:

  • bei Gegenüberstellungen:  Der Ständerat stimmte der Vorlage mit 31 gegen 9 Stimmen zu.
  • bei Resultaten: YB gewann 2:0.

Ein Spezialfall sind die ganz hohen Zahlen über 1 Mio. Sobald eine Zahl 6 oder mehr Nullen enthält, wird sie unübersichtlich; sie fällt beim Lesen zwar noch auf, aber sie ist nicht mehr auf einen Blick erkennbar. Deshalb sollte man besser 2,3 Mio. statt 2'300'000 schreiben. Das gilt für Milliarden sowieso. Übrigens: Zur besseren Unterscheidung von den Millionen empfiehlt es sich Milliarden "Mrd." abzukürzen statt "Mia.".

Weiter: Grosse Zahlen werden lesbarer, wenn man sie mit Apostrophs strukturiert. Bis 9999 braucht es kein Apostroph, ab 10'000 unbedingt eines.

Und zu guter Letzt: Dezimalstellen werden mit Komma abgetrennt, nicht mit Punkt: 5,7 km statt 5.7 km.

Die drei letzten Spezialfälle weisen auf eine besondere Schwierigkeit hin:

  • In anderen Ländern sind 1000 Mio. nicht 1 Mrd., sondern 1 Billion.
  • 19'768 werden 19,768 geschrieben, dafür die Dezimalstellen als Punkt (5.7).

Wenn man für ein internationales Zielpublikum schreibt, sollte man deklarieren, was was bedeutet; sonst sind die Leser verwirrt.

13. April 2007

Links: die Regeln (4)

Auf Anregung von Stefan ergänze ich meine kleine Link-Serie (Textlinks, E-Mail-Links, Navigationslinks) mit einem vierten Teil zur Darstellung der Links. Dieser Teil tangiert teilweise Design- und Usability-Fragen, für die ich kein Experte bin. Aber eine Meinung dazu habe ich natürlich schon:

1. Link-Darstellung

Ich bin ein Anhänger des klassischen, blau unterstrichenen Links ohne Hover-Effekt. Auf News- und Verwaltungssites - eigentlich generell auf Informationssite - sehe ich eigentlich keinen Grund, davon abzuweichen.

Ich kann aber auch mit andersfarbigen Links mit Hover-Effekt leben, Hauptsache, die Links sind sofort und eindeutig als Link erkennbar. Das heisst:

  • keine Icons, sondern Textlinks
  • keine Links, die sich beim Drüberfahren mit der Maus als Link entpuppen

Wie man das grafisch bewerkstelligt, finde ich eigentlich nebensächlich.

2. Besuchte Links kennzeichnen oder nicht:

Da muss ich meistens passen, denn ich sehe als Farbenblinder oft fast keinen Unterschied zwischen nicht-besuchten und besuchten Links. Was auch etwas über den Nutzen dieses Konzepts aussagt.

Zudem kommt es bei gewissen Sites zu folgendem Problem: Bsp. NZZ Online: Ich klicke auf der Startseite auf einen Titel-Link bei den Rubriken; danach erscheint dieser Link als "besucht". Nun wird die Website aktualisiert und an der Position, an der ich den Titel geklickt habe, erscheint nun ein neuer Titel. Dieser Titel-Link wird auch als "besucht" dargestellt.

NZZ Online am 13.04. um 16.15h, nachdem ich alle Titel angeklickt habe:

Nzz_13april_1615h_2  

NZZ Online um 17 h nach einmaligem Refresh, ohne dass ich auch nur einmal auf diese Links geklickt hätte:

Nzz_13april_1700h_2

Einige neue Titel erscheinen als "besucht", obwohl ich nie drauf geklickt habe.

3. Unterschiedliche Darstellung von andersartigen Links, z.B. Links im Inhaltbereich und Links im Navigations/Service-Bereich:

Da habe ich keine Mühe damit. Alles, was sich links und oben in Navigationsleisten befindet, ist Navigation; dass die Navigation klickbar ist, finde ich vorhersehbar, auch wenn die Darstellung von derjenigen der Text-Links abweicht.

Ich versuche, zu diesen etwas blutleeren Ansichten fleischgewordene Beispiele zu finden.

31. März 2007

Leichte Sprache ist schwierig zu schreiben

Via Sprachblog bin ich erstmals auf den Begriff "Leichte Sprache" gestossen. Die Sache selbst war mir bekannt, aber dass es einen festen Begriff gibt dafür, wusste ich nicht.

Gemeint ist, wie beim Wikipedia-Eintrag "Leichte Sprache" erklärt, eine Sprache, die leicht verständlich ist. Man spricht auch von "einfacher Sprache". Leichte Sprache ist ein Aspekt der Barrierefreiheit: Die Sprache soll Menschen mit geringen sprachlichen Fähigkeiten das Verständnis von Texten erleichtern. Auf dem Web ist einfache Sprache aber auch für Menschen mit mindestens durchschnittlichen sprachlichen Fähigkeiten sehr empfehlenswert.

Beim erwähnten Wikipedia-Eintrag hat es zahlreiche Links, um das Thema zu vertiefen.

Jakob Nielsen hat 2005 darüber eine Alertbox verfasst: Lower-Literacy Users. Nach seiner Einschätzung sind in den USA sage und schreibe 48 % "low literacy users", also Personen mit geringen sprachlichen Fähigkeiten. Nun werden die einen sagen, ja ja, typisch USA, aber das Phänomen dürfte auch bei uns massenweise auftreten. Es gibt ja Anschauungsunterricht zur Genüge.

Item. Leichte Sprache zu schreiben, ist sehr schwierig und aufwändig. Bei leichter Sprache kann man sich nicht hinter nichtssagenden Floskeln verstecken, sondern muss zur Sache kommen und den Sachverhalt explizit benennen. Das ist nur möglich, wenn man die Sache versteht.

Angeregt durch diesen Beitrag im Sprachblog, will ich mich in diese Thematik (pardon: in dieses Thema) vertiefen.

28. März 2007

Kriterien für die Inhaltsanalyse

Bevor man eine Website neu gestaltet oder migriert, sollte man den Inhalt bewerten. Üblich dazu sind die Inhaltsinventare, die tabellarisch alle Seiten listen. Je nach Bedarf können dieses Tabellen erweitert werden, zum Beispiel mit Anzahl Links, Anzahl PDFs, Pageviews, Umfang usw. usf.

Doch die Aussagekraft messbarer Kriterien ist begrenzt. Interessanter ist bei diesen Inhaltsinventaren oft die qualitative Bewertung des Inhalts: Wie gut ist mein Inhalt?  Muss er überarbeitet werden oder kann er 1:1 migriert werden?

Fred Leise gibt auf Boxes and Arrows in Content Analysis Heuristics eine gute Überblick über Kriterien für die qualitative Bewertung. Sie sind sehr allgemein gehalten und müssen für jedes Projekt spezifiert werden:

  • Strukturierung (Ähnliche Inhalte gruppieren, verschiedene Inhalte trennen)
  • Vollständigkeit
  • Findbarkeit via Suche und/oder Navigaton
  • Aktualität
  • Korrektheit
  • Konsistenz der Struktur des Seitenaufbaus

Nicht berücksichtigt bei diesen Kriterien ist die Bewertung der Seiten nach kommunikativen Zielen. Das heisst: Erfüllen die Seiten die Ziele, die ich mir für meine Online-Kommunikation gestellt habe? Stimmen die Botschaften?

27. März 2007

Die Zukunft des Textes auf dem Internet

Lesenswertes Interview auf Poynter: What is the Future of Text Online? mit Chris Nodder, einem Experten der Norman Nielsen Gruppe.

Die Antworten sind nicht umwerfend neu. Die Regeln des Webtextens werden einmal mehr bestätigt.

Interessant ist die Antwort auf die Frage, ob Text nicht verdrängt werde von Audio und Video:

"'Richer' media can actually be 'poorer' than text, because they are essentially linear, synchronous formats. Text on the other hand can be scanned, chopped, summarized and repurposed (and translated, formatted, hyperlinked and transmitted) far more easily than video and audio content.

We are only just beginning to see the Internet embrace and transform these forms of content (Audio und Video), which were traditionally broadcast by TV and radio. It will take some time for these media to reach the level of online integration that text currently has. It is more likely that they will augment rather than replace the need for text."

Oder in anderen Worten: Das Internet ist für Audio und Video nur ein Transportmittel. Es transportiert lineare Filme und Tondokumente; diese Dateien sind in sich geschlossen. Text hingegen kann aufgeteilt und verlinkt werden - woraus ein neues Format entsteht: der Hypertext. 

21. März 2007

Helfen: so einfach und doch so schwierig

Anschaulich, praktisch und genau richtig beschreibt Nick Usborne, mit welcher Haltung man nützliche Webtexte schreibt: When you write a web page, give it the “help a friend test”. Was so einfach tönt, ist in der Praxis oft ganz knifflig.

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