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31. März 2006

Berner Regierungsrat: verpasste Wahlkampfchancen im Internet

Nächstes Wochenende sind im Kanton Bern Wahlen. 1689 Kandidaten bewerben sich um die 160 Grossratssitze, 19 Kandidaten um die 7 Regierungsratssitze. Ich kenne genau zwei Grossratskandidaten persönlich; allen anderen kenne ich nicht. Das wird den meisten Wählern ähnlich gehen.

Wie soll man sich in dieser Situation ein Urteil bilden? Propagandamaterial, Flyers und Plakate helfen ja nicht weiter. Und für Podiumsdikussionen habe ich keine Zeit.

Also ein Fall fürs Internet. Über diesen Kanal lässt sich doch heutzutage moderner Wahlkampf machen. Dachte ich.

So habe ich mir an den beiden letzten Abenden (29. und 30. März 2006) die Internetauftritte der Regierungsratkandidaten näher unter die Lupe genommen, und zwar die Websites der 10 Kandidaten mit in meinen Augen echten Wahlchancen: Barbara Egger, Philippe Perrenoud, Andreas Rickenbacher (alle SP),  Bernhard Pulver (Grüne Freie Liste), Urs Gasche, Werner Luginbühl, Monique Jametti Greiner und Annelise Vaucher (alle SVP), Hans-Jürg Käser und Eva Desarzens (beide FDP), Marianne Streiff-Feller (EVP) und Konrad Hädener (CVP).

Folgende kleinen Tests habe ich gemacht:

  • Test 1: Auffindbarkeit -> Namen googlen auf google.ch: Wie gut finde ich die Kampagnensite?
  • Test 2: Kommunikation -> Wie interaktiv sind die Websites?
  • Test 3: Barrierefreiheit -> Funktionieren die Sites ohne Bildfunktion? Kann man die Schriftgrösse verändern?
  • Test 4: Mehrsprachigkeit: Sind die Sites zweisprachig deutsch-französisch (so wie der Kanton)?

Test 1: Auffindbarkeit
Was macht eine gute Kampagnen-Website aus? Zuerst muss man sie finden. Ich habe alle Kandidaten am Mittwoch abend, 29. März 2006, gegoogelt, d.h. ich habe den offiziellen Kandidatennamen in Google (google.ch) eingegeben und nur Schweizer Sites gesucht. (Die Links entsprechen der Suchabfrage; das Resultat kann sich in der Zwischenzeit verändert haben).

  • Barbara Egger-Jenzer: Rang 1 auf der Google-Trefferliste für www.barbara-egger.ch.
  • Philippe Perrenoud: Rang 7. Perrenoud hat das Pech, einen Professor der Uni Genf als Namensvetter zu haben, der in Google vor ihm platziert ist. Ungeschickt ist aber auch die Internetadresse von Perrenoud: www.perrenoud2006.ch.
  • Andreas Rickenbacher: Die Website des Projektleiters in einem Kommunikationsunternehmen sucht man vergeblich auf den ersten 10 Positionen. Rickenbacher ist seine Originalität in die Quere gekommen, indem er unter der Adresse www.regierungsrat.be auftritt. Das Kürzel „be“ steht für belgische Seiten und leider nicht für den Kanton Bern, weshalb bei einer auf die Schweiz eingeschränkten Googlesuche diese Seite nicht gefunden wird. Bei einer weltweiten Googlesuche ist Rickenbachers Site zuoberst.
  • Bernhard Pulver: Rang 1 für www.bernhardpulver.ch.
  • Urs Gasche: Der Finanzchef macht auf Sparflamme: Er hat gar keine eigene Website und tritt nur im Sechser-Kombi www.sechser.ch auf.
  • Werner Luginbühl: Auch Werner Luginbühls hat keine eigene Kampagnensite und tritt nur auf www.sechser.ch in Erscheinung.
  • Monique Jametti Greiner: Rang 2 für www.jamettigreiner.ch hinter einem Artikel auf espace.ch zu ihrer Person.
  • Annelise Vaucher: Rang 2 für www.annelise-vaucher.ch. Rang 1 erzielt peinlicherweise eine provisorische Ankündigungsseite, die man offenbar zu löschen vergessen hat. Die offiziell kommunizierte URL lautet aber www.annelise-vaucher.be, die nicht gefunden wird (siehe Rickenbacher).
  • Hans-Jürg Käser: Rang 1 für www.hansjuerg-kaeser.ch.
  • Eva Desarzens: Rang 1 für www.eva-desarzens.ch (mit einem schwachen Title Tag)
  • Marianne Streiff-Feller: Rang 1 für www.streiff-feller.ch
  • Konrad Hädener: Rang 1 für www.konrad-haedener.ch

Wie so oft im Internet, ist es eine gute Idee, das Naheliegende zu tun und sich an den Standard zu halten. Persönliche Websites werden am besten gefunden, wenn ihre Adresse aus Vornamen und Nachnamen bestehen, mit oder ohne Bindestrich.

Test 2: Kommunikation
Inserate, Fylers, Plakate sind Ein-Weg-Kommunikation. Das Web ist das Medium des Dialogs und des Austauschs. Finde ich also auf der Startseite eine Möglichkeit, mit dem Kandidaten zu kommunizieren? Wie kann ich die Kandidatur unterstützen? Kann man spenden? Kann man den Kandidaten irgendwo treffen? Kann man für ihn etwas tun, zum Beispiel Plakate herunterladen, um sie nachher an seiner Garagentür aufzuhängen?
(Urs Gasche und Werner Luginbühl ohne eigene Site scheiden hier leider bereits aus.)

Diese Minimalanforderungen sind bei allen Website mehr oder weniger erfüllt. Überall findet man schnell ein Kontaktformular oder eine Emailadresse. Einige führen eine Agenda und listen ihre öffentlichen Auftritte auf. Man findet auch die Postadresse eines Unterstützungskomitees oder die Postchecknummer eines Kontos zur Unterstützung des Kandidaten. Bei Andreas Rickenbacher kann man das Wahlplakat herunterladen.

Damit hat es sich aber leider schon. So kann man ausser bei Bernhard Pulver keinem Unterstützungskomitee via Website (also medienbruchfrei) beitreten. Online spenden kann man bei keinem einzigem Kandidaten.

Die Kommunikation auf diesen Kampagnen-Sites ist immer noch Einbahn. Echte Dialoge und Diskussionen (zum Beispiel mit einem Blog) zwischen Wählern und Kandidaten findet man auf den Websites nicht. Allenfalls finden die Diskussion hinter den Kulissen statt, denn was die Wahlberechtigten fragen und was die Kandidaten antworten, bleibt mit Emails und Kontaktformularen Privatsache.

Dabei wäre es heute mit der Blogtechnik sehr einfach und günstig, sich im besten Sinne des Wortes volksnah zu geben und sich mit den Wählern via Internet auszutauschen. Damit könnten alle Wahlberechtigten auf dem Internetauftritt die Diskussion (via RSS oder Newsletter) mitverfolgen und mitdiskutieren. Ob das den künftigen Regierungsräten zu demokratisch ist?

(Keckerweise nennt Rickenbacher eine Rubrik auf seiner Site "Blog/Agenda". Hat aber mit einem Blog fast rein gar nichts zu tun.)

Diesen Schritt vom Wahlprospekt im Internet zur echten Kampagnen-Website macht also kein Kandidat und keine Kandidatin.

Test Nr. 3: Barrierefreiheit
Von Kandidaten, die sich für ein öffentliches Amt bewerben, würde man eine gewisse Sensibilität bezüglich Barrierefreiheit von Websites erwarten (siehe Behindertengleichstellungsgesetz und die entsprechende Verordnung). Drei elementare Elemente (getestet im IE) tragen wesentlich dazu bei: Kann man die Schriftgrösse verändern? Kann man die Site auch ohne Bildfunktion benutzen? Kann man die Site in einem Textbrowser benutzen?

Die Schriftgrösse kann man mit dem Internet Explorer bei keiner einzigen der erwähnten Sites verändern. Leute mit Sehbehinderungen können die Texte auf diesen Websites also nur mit Mühe oder gar nicht lesen, wenn sie die Schriftgrösse vergrössern müssen.

Mit ausgeschalteter Bildfunktion sind nur noch die Websites von  Andreas Rickenbacher und Konrad Hädener benutzbar. Jene von Barbara Egger, Philippe Perrenoud, Bernard Pulver, Annelise Vaucher, Eva Desarzens und Marianne Streiff-Feller sind nur noch teilweise, jene von Hans-Jürg Käser und Monique Jametti gar nicht mehr benutzbar (Beispiel siehe Bild). Das heisst, die Inhalte auf der Homepage verstecken sich hinter Bildern, die für die Software, mit denen Blinde Website benutzen, nicht zugänglich sind.

Kaeser   Jametti

Homepage www.hansjuerg-kaeser.ch und www.jamettigreiner.ch ohne Bildfunktion.

In einem Textbrowser kann man die Site von Konrad Hädener und Andreas Rickenbacher gut benutzen, jene von Barbara Egger und Bernhard Pulver nur beschränkt. Nicht benutzbar sind alle anderen sechs getesteten Sites.

Verpasste Wahlchancen also auch hier: Die behinderten Wahlberechtigen werden - webtechnisch betrachtet - ungenügend angesprochen.

Test Nr.4: Mehrsprachigkeit
Gibt es also ein französisches Angebot auf der Website? Konrad Hädener, Marianne Streiff, Hans-Jürg Käser und Bernhard Pulver beschränken sich auf deutsche Inhalte. Einen Sprachwahlbutton habe ich auf der Homepage dieser Sites vergeblich gesucht. Die anderen Kandidaten haben eine (zumindest teilweise) zweisprachige Site.

Fazit: durchzogen
Auf eine Rangliste möchte ich hier bewusst verzichten, ebenso auf eine Wertung des Design. Keine Kampagnen-Site der 10 ausgewählten Regierungsratskandidaten imponiert durch innovative Interaktion. Keine Site fällt aber auch katastrophal ab. Zur freien Meinungsbildung trägt aber keine Kampagnensite bei. Die Möglichkeiten des Mediums werden nirgends ausgeschöpft und damit Wahlchancen verpasst.

smartvote ist die einzige echte Hilfe
Am meisten geholfen bei der Meinungsbildung hat mir die elektronische Wahlhilfe smartvote. Dort kann man anhand eines ausführlichen Fragebogens sein eigenes politische Profil erstellen. Die Site berechnet danach den Grad der Übereinstimmung mit den Regierungsratskandidaten. Das schafft Transparenz und ist eine echte Wahlhilfe, wenn man vor lauter Parolen die politische Haltung der Kandidaten nicht erkennen kann. Erstaunlicherweise - bezeichnenderweise? - verweist von den betrachteten 10 Sites nur eine einzige (jene von Konrad Hädener) mit einem Link auf SmartVote.

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